Elternhaus und Schule

elpost Nr. 42, 2010

Heike Günther

Die Begleitung von ADHS-betroffenen Kindern und Jugendlichen ist immer wieder eine Herausforderung. Umso befreiender ist es, wenn zwischen Elternhaus und Schule eine gute Zusammenarbeit vorhanden ist. Das «Am-gleichen-Strick- ziehen» tut gut und lässt auftretende Hürden gemeinsam bewältigen.

Welche Ziele verfolgt dieser Artikel?

-       Das gegenseitige Verständnis zwischen Elternhaus und Schule fördern.

-       Mögliche Vorgehensweisen beim Aufbau einer konstruktiven Zusammenarbeit und Methoden aufzeigen.

Zwischen vielen Eltern und Lehrpersonen besteht bereits eine gute konstruktive Zusammenarbeit. Doch für die, bei denen es nicht gut läuft, hört sich das mit der guten Zusammenarbeit eher bitter an. «Schön wär’s, aber es ist nicht so», lautet ein Kommentar. Damit es gut läuft, muss eine Zusammenarbeit aufgebaut und immer wieder neu betrachtet werden.

Negativspirale

Viele Kinder laufen im Normbereich. Die Herausforderungen wachsen, wenn sich Systeme in einer Negativspirale befinden. Die untenstehende Darstellung zeigt ein von ADHS betroffenes Kind in einer Negativspirale.

Im Tagesablauf des Kindes greifen Elternhaus und Schule ineinander. SchülerInnen kommen (im übertragenen Sinn) «vorgeglüht» in die Schule. SchülerInnen kommen «weiter geglüht» nach Hause. Alle – das Kind, die Eltern und die Lehrperson – sind betroffen. Immer wieder höre ich von Lehrpersonen, dass Kinder morgens müde in die Schule kommen oder dass der Montagmorgen mit einigen SchülerInnen sehr anspruchsvoll ist. Oder ich höre Eltern sagen, dass ihre Kinder völlig «geladen» aus der Schule kommen und den Schulthek in eine Ecke werfen. Sei es wegen Konflikten mit MitschülerInnen oder Lehrpersonen oder sei es wegen dem Lernen und der Leistung.

 

Morgens / Familie

Mühseliges Aufstehen und Anziehen Fortlaufender «Hickhack» bis das Kind aus dem Haus ist Auseinandersetzungen

Unter dem Tag / Schule

Stören des Unterrichts Lernschwierigkeiten Eingliederungsprobleme in den Klassenverband

Nachmittags / Freunde, Familie

Probleme mit Hausaufgaben Ablehnung durch Gleichaltrige Mannschaftssport erschwert

Abends / Familie

Unruhe, Spannungen beim Abendessen Schwierigkeiten beim Zubettgehen Ein-, Durchschlafprobleme

 

Da Elternhaus und Schule ineinander greifen, braucht es zur Verbesserung der Bedingungen und zur Förderung des Kindes zwingend eine gute Zusammenarbeit!

 

Am gleichen Strick ziehen

Die Vielfalt der verschiedenen Kulturen, Werte und Normen hat stark zugenommen. Sie kann die Zusammenarbeit unter Umständen komplexer machen. Der Ausdruck «Am-gleichen-Strick-ziehen» ist aus der Erziehung bekannt: Vater und Mutter ziehen am gleichen Strick. Wenn Lehrpersonen und Eltern am gleichen Strick ziehen spüren das die Kinder und die Förderung gelingt besser.

Behalten sie das Tempo und die Ressourcen im Auge! Verteilen Sie die Herausforderungen auf mehrere Schultern! Ziehen Sie allenfalls Fach- personen zur Entlastung bei!

Zum Beispiel entstehen Lernlücken unter anderem, wenn zu schnell weiter- gegangen wird. Auch ist der Lehrplan vorgegeben. Es ist eine Herausforderung für Lehrpersonen, allen SchülerInnen gerecht zu werden. Das gilt besonders in Mehrklassensystemen und bei mehreren Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Es braucht eine gute Koordination aller Beteiligten, das von ADHS betroffene Kind zu begleiten.

Wichtig ist, dass nicht nur die Defizite betrachtet, sondern auch die positiven Seiten, die Stärken erkannt und immer wieder hervorgehoben werden.

Eine gute Beziehung unter den Beteiligten hilft Krisen zu meistern. Wenn die Beziehung «stimmt», wird auch einmal ein «Ausrutscher» verziehen.

Tatsache ist: Beteiligte können zwischenzeitlich an Grenzen stossen. In diesen Zeiten sind sie empfindsamer unterwegs. Beispiel: Eine Schülerin hat «keinen guten Draht» zur Lehrerin. Deshalb verzeiht sie ihr auch eine schlechte Laune nicht. Sie hat das Gefühl, ihrer Lehrerin gleichgültig zu sein. Die Lehrerin selber hat schon öfter das Gespräch mit der Schülerin gesucht, ohne Erfolg. Die Situation spitzt sich zu. Durch ein gemeinsames Gespräch mit einer Schulsozialarbeiterin, der Lehrperson, den Eltern und der Schülerin kann die Situation geklärt werden. Zusammen werden neue Ziele zur Kommunikation, zur Unterstützung und zur Arbeitsteilung vereinbart.

 

Grundhaltung

In der Zusammenarbeit entscheidet die Grundhaltung wesentlich, wie das Gespräch verläuft. Es gilt: «Ich bin okay – Du bist okay»! Die Beteiligten müssen einander dabei nicht zwingend mögen. Sie müssen auch nicht alles gut finden. Doch mit Respekt und Achtung vor dem Gegenüber gewinnen alle «den Boden» für eine konstruktive Zusammenarbeit. Egal wie misslich die Situation ist.

Achten Sie auf die Gesprächsführung. Wenn Sie an Ihre Grenzen stossen oder überfordert sind: Handeln Sie! Holen Sie sich Unterstützung!

 

Strukturierte Gespräche

Eine zusätzliche Hilfe ist die Strukturierung von Gesprächen. Je weniger Sie das Gegenüber kennen, desto wichtiger ist ein kurzer Smalltalk zum Einstieg. Es gilt das Gegenüber kennen zu lernen und eine Beziehung aufzubauen. Schildern Sie im Anschluss die Situation. Alle Beteiligten beschreiben, wie es zu Hause bzw. in der Schule «läuft».

Bemerkung: Zwischen Beschreiben und Erzählen gibt es einen Unterschied: Beim Erzählen laufen wir Gefahr ins Bewerten zu kommen. Beim Beschreiben konzentrieren wir uns auf Beobachtungen und bleiben auf der sachlichen Ebene. Missverständnissen und Schuldzuweisungen wird so vorgebeugt.

Der nächste Schritt ist, der eigenen Befindlichkeit Ausdruck zu verleihen. Ich-Botschaften sind dabei sehr hilfreich. Mit den anschliessenden Wünschen, was sein soll, beginnt die Lösungsfindung. Zu einer konstruktiven Zusammenarbeit gehört auch Verlässlichkeit. Vereinbarungen werden getroffen und der Verlauf wird überprüft.

Gesprächsführung

Es gibt etliche Methoden in der Gesprächsführung. Allen gemeinsam ist:

Das Herausfinden, wie die Information beim Gegenüber angekommen ist bzw. wie eine Information vom Gegenüber verstanden wird. Nicht immer ist das, was ich meine auch das, was beim Gegenüber ankommt. Dazu kurz einzelne Techniken:

▪ Spiegeln: «Habe ich Sie richtig verstanden, dass...?»
▪ Aktives Zuhören: Echtes Interesse zeigen
▪ Paraphrasieren: Eine andere Umschreibung für das Gesagte. Damit wird klar, ob der Sachinhalt richtig verstanden wurde.
▪ Rollentausch: «Versetzen Sie sich in meine Situation. Was würden Sie tun (denken, sagen...)?». Bei dieser Methode kommt es darauf an, in welcher Situation sie angewandt wird. In einer misslichen Lage kann sie kontraproduktiv sein und als Rechtfertigung verstanden werden. Wenn die Beziehung stimmt, können Sie z.B. fragen, ob Ihr Gegenüber noch Vorschläge hat, was Sie in dieser oder jener Situation machen könnten. Ihr Gesprächspartner versetzt sich in Sie und bringt Sie allenfalls auf neue Ideen. ▪ Perspektivenwechsel: «Könnte es auch sein, dass....»

 

Grenzen überwinden

Sie wollen etwas ändern? Ihre Grenze ist erreicht? Jetzt kommt es darauf an, ob und wie ihr Gegenüber mitzieht. Ich erlebe immer wieder, dass Erwachsene, Kinder und Jugendliche bei einer Eskalation des Gespräches weiter reden und damit den Konflikt weiter schüren. In diesen Situationen hilft es, das Gespräch abzubrechen und zu einem späteren Zeitpunkt in Ruhe weiterzuführen. Wenn dies nichts bewirkt, können sich die Fronten verhärten. Die Beteiligten gehen sich zunehmend aus dem Weg. Es wird schwierig, den Konflikt anzusprechen. Ein ungutes Gefühl, bis hin zu psycho-somatischen Reaktionen wie Kopfweh, beschleicht uns. Das Verbindende tritt in den Hinter-, Trennendes in den Vordergrund. In solchen Situation macht es Sinn eine externe Moderation, z.B. die Schulleitung, die Schulsozialarbeit oder die Schulpsychologie einzubeziehen (vgl. F. Glasl, Konfliktmanagement).

 

Konstruktive Zusammenarbeit

Es wurde nun einiges über den Aufbau und über Methoden einer konstruktiven Zusammenarbeit gesagt. Bleibt die Frage: «Was ist eine optimale konstruktive Zusammenarbeit?» Zur Beantwortung dient das Harvard-Konzept aus der Wirtschaft. Aus diesem stammt der Begriff «win-win-Situation». Zusammenfassend heisst das: Alle Beteiligten gehen die Situation zum Wohle aller an. Alle können ihre Interessen einbringen. Die Meinung des Gegenübers wird angenommen. Die Sache und das Kindswohl stehen im Vordergrund, nicht das Persönliche. Die Sackgassen werden erkannt und Lösungen gefunden. Die beste Lösung für alle wird realisiert. Alle gewinnen.

Bemerkung: Nicht ganz so gut, aber immer noch in Ordnung ist ein guter Kompromiss. Von faulen Kompromissen wird abgeraten, da sie Widerstände hervorrufen.

 

Thema «Erziehung»
Bislang haben wir uns auf der direkten Zusammenarbeitsebene bewegt. Nehmen wir nun übergeordnete Themen mit dazu. Wenn wir uns überlegen, welches die Aufgaben des Elternhauses und welches die Aufgaben der Schule sind fällt uns auf: Das Thema Erziehung ist bei beiden gegeben. Das birgt Konfliktpotential. Die Ansichten gehen auseinander. Eltern stellen vielleicht die Schulordnung in Frage. Lehrpersonen haben den Eindruck, es «hapert» an der Erziehung usw...

Beginnen wir zu den genannten Konfliktpotentialen bei der Schule:

Es ist von Vorteil, wenn im Schulhaus eine gemeinsame pädagogische Grundhaltung zur Förderung der SchülerInnen gegeben ist.

Je klarer die gemeinsame pädagogische Grundhaltung bei den Lehrpersonen ist, umso weniger Missverständnisse treten in der Zusammenarbeit zwischen SchülerInnen und Lehrperson und zwischen Elternhaus und Schule auf. Ein Beispiel: SchülerInnen schauen sehr genau, wie sich welche Lehrperson verhält. Gerade von ADHS betroffene SchülerInnen haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Mit einer gemeinsamen pädagogischen Grundhaltung kann Konflikten vorgebeugt werden. SchülerInnen kommen zufriedener nach Hause. Eltern erleben eine homogene Schulhauskultur.

Das Klären der gegenseitigen Erwartungen in der Zusammenarbeit Schule und Elternhaus bildet das Fundament der Zusammenarbeit!

Von Vorteil ist es, wenn sich Eltern zurückhalten, was den direkten Schulbetrieb betrifft. Der Streit unter Kindern gehört zum Leben. Die Kinder sollen an der Schule von den Lehrpersonen unterstützt und begleitet werden, um den Streit selber zu lösen. Und je mehr Personen mitmischen, desto komplizierter und aufwändiger wird alles. Die Lehrpersonen sind in der Regel dankbar für Rückmeldungen, wenn es triftige Vorfälle oder Informationen gibt, die für den Schulverlauf von Bedeutung sind. Umgekehrt macht eine Information der Lehrperson an die Eltern Sinn, wenn Verhaltensauffälligkeiten nicht erklärbar sind oder die Mithilfe der Eltern gefragt ist. Gesamthaft gesehen geht viel Energie in der Zusammenarbeit verloren, wenn die Zusammenarbeit als Einmischung und nicht als Bereicherung empfunden wird.

 

Übergeordnete Zusammenarbeit Eltern – Schule

Neben den üblichen Anlässen und Informationen in der direkten Elternzusammenarbeit werden bereits in vielen Schulgemeinden Eltern als Kooperationspartner eingeführt. Sie wirken dann innerhalb ihres Kompetenzbereiches und in geeigneter Form an der Schulentwicklung mit. Z.B. in Projektgruppen, Elternbefragungen, bei Konzepten usw. Es gibt Schulen, die dabei sehr weit fortgeschritten sind und wo Elternforen verschiedene Anlässe für Kinder und Erwachsene organisieren. Aus meiner Wahrnehmung brauchen die Projekte und die Beteiligten Zeit sich zu entwickeln. Die geglückten Projekte lassen aufhorchen. Die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule trägt weitere Früchte.

 

Was ich Ihnen abschliessend mit auf den Weg geben möchte

Schauen Sie zuerst für sich, zusammen mit ihrer Familie und der Lehrperson, dass eine konstruktive Zusammenarbeit geschaffen werden kann. Bleiben Sie dran! Geben Sie nicht auf! Engagieren Sie sich erst weiter, wenn es Ihre Kräfte und die Situation zulassen!

Wenn Sie sich nicht oder nicht mehr in der eingangs aufgezeigten Negativspirale befinden, dann sind es andere. Gehen Sie wertschätzend mit diesen anderen Familien um. Sie kennen den Spruch von Eltern an ihre Kinder «Dich als Mensch liebe ich. Was du tust, das mag ich nicht». Und wenn es Ihnen liegt, beschäftigen Sie sich mit der Elternarbeit. Sie unterstützen damit andere beim Versuch, in die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule zu kommen. Viel Erfolg für ein kompetentes Miteinander!

xeiro ag