Hochbegabt oder sonderschulbedürftig?

Elpost Nr. 43, 2011

von Christa Seiler

Anninas Eltern sind stolz auf ihre 19-jährige Tochter. Die junge Frau ist im zweiten Semester ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin. In den Augen ihrer Lehrer ist sie eine ehrgeizige, zuverlässige und intelligente junge Frau, die ihren Weg erfolgreich machen wird. Annina ist gleichzeitig eine Einzelgängerin, lernt unabhängig von Lerngruppen und hat kaum Interesse an anderen Aktivitäten. Sie ist in den Augen ihrer Mitstudierenden anders und dennoch – oder gerade deshalb – eine Studentin, die von allen geschätzt wird. Das war nicht immer so; werfen wir einen Blick zurück. In den Augen ihrer Kindergärtnerin war Annina ein schwieriges Mädchen, das nie ruhig sitzen konnte, störte und an Konzentrationsproblemen litt. Die Kinderärztin diagnostizierte eine ADHS und empfahl einen Übertritt in die Einschulungsklasse. Die Primarlehrerin befürchtete am Ende der dritten Klasse, dass Annina die Klassenziele der Mittelstufe in einer Regelklasse bei weitem nicht erreichen würde und deshalb besser in einer Sonderschule aufgehoben wäre. In den Augen der Schulpsychologin benötigte Annina positive Lernerfahrungen. Da das Mädchen musikalisch war und Pferde liebte, wurde mit Geigenstunden und Reitunterricht begonnen. Nach drei Jahren Sonderschule trat Annina in eine private Sekundarschule über, bestand zwei Jahre darauf die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium und schloss die Matura vier Jahre später erfolgreich ab. Noch heute ist sie eine organisierte Chaotin. Ihre Erfolge fallen ihr nicht in den Schoss. Sie muss hart arbeiten, um die hohen Leistungen zu erbringen, aber sie hat gelernt zu kämpfen. Was hat genützt? Waren es die Geigenstunden, die 3 Jahre Sonderschule, die Eltern, die jederzeit hinter ihr standen? Wir werden nie genau wissen, welche Intervention dazu geführt hat, dass Annina als ehemalige Sonderschulschülerin ihre Wunschberufsausbildung machen kann. Aber es gibt bestimmte Grundhaltungen und Verhaltensweisen, die es einem Kind mit ADHS leichter machen die Schule erfolgreich zu durchlaufen. Denn sie schaffen eine Art Grundvoraussetzung dafür, dass ein Kind sein vorhandenes Potenzial bestmöglich umsetzen kann.

 

Bereitschaft zum Hinschauen und Akzeptieren

Keine andere Diagnose wird noch heute mit soviel Emotionen und Vorurteilen diskutiert wie ADHS. Gibt es das überhaupt oder ist es bloss ein Konstrukt, wie gewisse Fachleute behaupten? Sind Stimulanzien Gift oder ein Allerheilmittel? Soll man nun streng oder nachgiebig sein mit den betroffenen Kindern? Sind sie hochbegabt oder sonderschulbedürftig? Oder sind ihre Verhaltensweisen am Ende einzig ein Erziehungsfehler der Eltern?

Vieles wird diskutiert, neue Forschungsresultate beweisen einmal dies, einmal genau das Gegenteil. Einig sind sich jedoch wohl alle: Kinder mit der Diagnose ADHS sind für Eltern und Lehrpersonen eine grosse Herausforderung. Das Prädikat «pflegeleicht» ist sicher nicht charakteristisch für sie. Vielmehr sind sie kreativ, initiativ, lebendig, sensibel, interessiert und phantasievoll. Sie sind gute Beobachter und scheinen über ein ungeheures Mass an Energie zu verfügen. Und genau mit diesen Eigenschaften können sie im Klassenzimmer auch anecken. Sie stören den Unterricht, können nicht ruhig sitzen, haben tausend Ideen, jedoch die Hausaufgaben vergessen, benötigen viel Aufmerksamkeit und ein grosses Mass an äusserer Struktur. Leidet ein Kind und seine Umgebung an diesen Besonderheiten, sind die Konzentrationsstörungen und die Unaufmerksamkeit derart ausgeprägt, dass ein Teufelskreis der Vorwürfe, Abmahnungen, Strafen und Misserfolge entsteht, dann sind wir Erwachsenen aufgefordert genauer hinzuschauen. Was wir täglich im Unterricht oder bei den Hausaufgaben beobachten ist Realität. Schauen wir unbewusst oder bewusst weg, entziehen wir dem Kind zum Einen die Möglichkeit Erfolgserlebnisse erfahren zu dürfen, zum Anderen verstärken wir bei ihm das Gefühl, dass sein «Anders-Sein» ein Fehler, ein Manko ist. Damit schaffen wir einen Nährboden für Selbstunsicherheit, Mindergefühle und ein geringes Selbstwertgefühl.

 

Vertrauen schenken statt Schuld zuschreiben

Wenn ich als Psychologin von Eltern oder einer Lehrperson beigezogen werde, stehen anfangs meist Schuldfragen im Zentrum. So las ich erst kürzlich folgendes in einem Brief einer Mutter an die Lehrerin ihrer Tochter: «Liebe Frau X, es ist offensichtlich, dass Sie keine Ahnung von ADHS und noch weniger Verständnis für die betroffenen Kinder haben. Das ist auch der Grund, warum die Leistungen meiner Tochter derart nachgelassen haben.» Es ist klar, dass eine Lehrperson sich durch einen solchen Brief aufs Heftigste angegriffen fühlt. Und selbst wenn dieser Frontalangriff teilweise berechtigt wäre, schafft er sicher keine Basis für eine weitere, konstruktive Zusammenarbeit. Genauso kenne ich aber auch das Umgekehrte: Ich werde in eine Klasse gerufen wegen einem Schüler, kürzlich war es wegen Klaus, der die 2. Primarklasse besucht. Klaus wäre grundsätzlich ganz in Ordnung, ein intelligenter Knabe, aber die alleinerziehende Mutter hätte den Jungen einfach nicht im Griff. Aus beruflichen Gründen sei sie meist abwesend und das arme Kind sich selbst überlassen. Auch hier mag die Lehrerin teilweise ja Recht haben, nur nützt diese Haltung weder Klaus noch der Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern.

Wir alle suchen rasch und gerne einen Schuldigen. Es ist einfacher, den Zeigefinger auf jemanden zu richten, als uns selbst zu hinterfragen oder gar eine gewisse Hilflosigkeit einzugestehen. Auch wenn es etwas naiv klingen mag; hilfreich ist hier, wenn wir als Eltern den Lehrern und als Lehrer den Eltern einfach mal mit einer grossen Portion Vertrauen gegenüber treten. Vertrauen darin, dass die jeweils andere Seite ihre Arbeit gut machen will, sich engagiert und das Kind bestmöglich fördern will. Inhaltlich können vielleicht beide Seiten gewisse Dinge verbessern, doch wir kommen viel weiter, finden rascher und konstruktiver Lösungen, wenn wir unseren Gesprächspartnern mit dieser positiven Haltung gegenübertreten. Denn genau wie Eltern der «Chef» zuhause sind, sich also nicht gerne dreinreden lassen, was sie am Wochenende mit ihren Kindern tun, sind die Lehrpersonen der «Chef» in der Schule. Und auch Lehrpersonen hören es in der Regel nicht sonderlich gerne wenn überengagierte Eltern ungefragt pädagogische Tipps oder Verbesserungen des Stundenplans austeilen. Ist jedoch gegenseitiges Vertrauen da, darf auch mit Interesse und Offenheit gefragt werden, wie die Lehrerin mit der Unaufmerksamkeit von Klaus umgehen wird oder welche Möglichkeiten bestehen, um das Mobbing, das gegen die Tochter läuft, anzugehen.

So ist es möglich, eine Ebene des gemeinsamen Verständnisses aufzubauen. Kinder brauchen Orientierung, Sicherheit, Regeln und Klarheit. Sind die nicht bei allen Beteiligten gleich, werden die Zwischenräume rasch ausgelotet und allenfalls ausgenutzt. Kinder mit einer ADHS haben ein ausgeprägtes Sensorium, um solche Ungereimtheiten aufzuspüren. Erleben sie sich jedoch in einem Klima des Vertrauens, werden sie selbst gestärkt.

 

Gleichberechtigung vor Gleichbehandlung

Von ADHS betroffene Kinder sind anders, brauchen eine andere Umgebung, damit sie ihr Potenzial umsetzen können. Wenn Lehrpersonen von einer strikten Gleichbehandlung ausgehen im Sinne von: «Bei mir werden alle Kinder gleich behandelt, anders kann ich nicht unterrichten, schliesslich habe ich 21 Kinder in meiner Klasse und kann nicht 21 Sonderzüge fahren», habe ich grosse Skepsis, ob die Integration eines verhaltensauffälligen Kindes gelingen kann. Gleichberechtigung heisst im Umgang mit einer ADHS häufig Ungleichbehandlung. Annina hatte als Mädchen grosse Mühe mit Tischnachbarinnen. Daher baten die Elterndie jeweilige Lehrperson Annina doch wenn immer möglich alleine sitzen zu lassen. Natürlich ist dies nicht immer möglich, häufig sind die Klassenzimmer, vor allem wenn zusätzlich mit Team-Teaching unterrichtet wird, schlicht zu klein. Um dies zu klären braucht es offene Gespräche, flexible Haltungen auf beiden Seiten und das gegenseitige Vertrauen, dass der Gesprächspartner das Beste für das Kind will. Dann ist es möglich, dass ein betroffenes Kind im Unterricht einen Gymnastikball kneten darf, sein Pult etwas näher zur Lehrerin stellen kann oder das Arbeiten mit Hinweiskarten eine Selbstverständlichkeit werden darf. Das Erleben dieser Unterschiedlichkeit und die Akzeptanz derselben ist auch für die anderen Kinder einer Familie oder einer Schulklasse eine wertvolle und lehrreiche Erfahrung. Wir Menschen sind nun mal nicht alle gleich.

Wer als Lehrer nach dem Motto verfährt, ich behandle alle meine Schüler gleich, hat die eigentliche Herausforderung dieses Berufs nicht verstanden.

Prof. Elsbeth Stern, Lernforscherin ETH Zürich in Gehirn&Geist 11/2010

 

Klärung der Verantwortung

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die Verantwortung. Geht es bei schwierigen Schulsituationen um Problemlösungen, wird die Verantwortung, analog zur Schuldzuteilung, gerne herum geschoben. Da wir bei Lösungen, Massnahmen und Interventionen immer jemanden benötigen, der die Verantwortung übernimmt, muss diese klar zugeteilt werden. Die Kraft, welche vorher häufig in Beschuldigungen und gegenseitige Vorwürfe investiert wurde, kann dann – gebündelt auf ein klares Ziel – Berge versetzen. Und sobald dieser erste Schritt gelingt, ergibt sich der zweite fast von selbst: Jeder und jede trägt und übernimmt Verantwortung in diesem System. Jeder kann etwas zur Lösung beitragen, der Eine mehr, der Andere weniger, aber jeder Beitrag wird gebraucht. Jedes Kind ist auf Unterstützung angewiesen. Kinder mit einer ADHS brauchen eine «Extra- Portion» Unterstützung.

Es geht nicht darum, dass die Eltern oder die Lehrpersonen für das perfekte und störungsfreie Funktionieren verantwortlich sind, denn dieses Ziel ist ausserhalb des eigenen Einflussbereiches und unrealistisch. Es geht darum, konkrete Massnahmen so zuzuteilen, dass jeder Einfluss haben kann. Die Mutter sorgt dafür, dass Klaus Ruhe und ein festes Zeitfenster für die Hausaufgaben hat. Die Lehrerin sorgt dafür, dass mittels Hausaufgabenheft die Mutter über die Aufgaben informiert ist. Der Vater hat die Verantwortung dafür, dass Klaus mit ihm am Abend die Schulsachen bereit legt. Klaus seinerseits ist dafür verantwortlich, dass er die Hausaufgaben macht.

Entscheidend ist, dass alle Beteiligten gemeinsam mit dem Kind diesen Lösungsfokus einnehmen und konsequent aber flexibel ihre Verantwortung wahrnehmen.

 

Massnahmen ausprobieren und kreativ weiterentwickeln

Irgendwann kann der Zeitpunkt kommen, wo trotz guter Zusammenarbeit, positiver Verstärkung und erfolgreich angelaufener Therapie die Schulleitung an einem Gespräch äussert, dass allenfalls eine Sonderschule in Betracht gezogen werden muss. Klaus sei nicht mehr tragbar, eine zu grosse Belastung für die Klasse, aber auch für die Lehrperson. Muss ich als Elternteil zustimmen? Hat mein Kind danach noch eine Chance auf eine gute Lehrstelle? Ist es damit definitiv der Aussenseiter? Eine Sonderschulung ist eine schwerwiegende Massnahme und sie sollte sicher nicht als erste Lösung bei gering-gradigen Schwierigkeiten gesucht werden. Kommt das Kind aber in der Regelschule dauernd an Grenzen, fühlt es sich als Aussenseiter, als Versager, ist der Leidensdruck auf allen Seiten gross, kann ein solcher Schritt durchaus sinnvoll sein. «Aber er ist doch intelligent», werfen die Eltern von Klaus ein. Manchmal ist gerade dies ein grosses Problem, denn ein intelligenter Schüler, der leistungsmässig auf keinen grünen Zweig kommt, spürt rasch eine grosse Hilflosigkeit. Und Hilflosigkeit kann sich in störendem oder aggressivem Verhalten äussern, aber auch der Beginn einer depressiven Entwicklung sein. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden und manchmal gelingt dies nur im kleinen Rahmen einer heilpädagogisch geführten Sonderschule. Jedes Kind lernt am besten am Erfolg. Ein Kind mit ADHS lernt fast nur via Erfolg. Und um diese Erfolgserlebnisse zu ermöglichen gibt es nur eine Grundhaltung: Erlaubt ist, was dem Kind nutzt und das System nicht übermässig strapaziert. Bei den meisten betroffenen Kindern, die in der Schule an Grenzen stossen, sind Erfolgserlebnisse sehr selten und so sind wir Erwachsenen gefordert das System zu verändern, damit die Möglichkeiten auf Lernen am Erfolg wieder zunehmen. So stärken wir die Kinder, denn sie erleben, was sie bewirken können und sie legen an Selbstwertgefühl zu.

Eigene Grenzen respektieren

Ich habe grossen Respekt vor allen Eltern und Lehrpersonen, die sich mit Kraft, theoretischem und erfahrenem Wissen an dieSeite «ihrer» Kinder stellen und gemeinsam mit ihnen jeden Tag neu kreative Lösungsansätze erfinden und umsetzen. Für alle Kinder ist das afrikanische Sprichwort «It takes a village to raise a child» (Deutsch: Es braucht ein Dorf um ein Kind aufzuziehen) zutreffend. Für Kinder mit einer ADHS und ihre Eltern, aber auch ihre Lehrer ist Hilfe und Unterstützung besonders entscheidend. Denn auch Eltern und Lehrpersonen haben Grenzen. Manchmal lässt es jedoch der Stolz nicht zu, Hilfe zu suchen. Hinzu kommt, dass Eltern manchmal den Eindruck haben, dass ihre Kinder zu schwierig sind, um sie jemand anderem zuzumuten. Doch wenn mit den Hausaufgaben nichts mehr geht, es jedes Mal einen dreissigminütigen Kampf zwischen Mutter und Tochter gibt oder sich die Aufgaben eines Erstklässlers auf zwei Stunden ausdehnen, dann können die Eltern pädagogisch noch so geschickt reagieren, sie brauchen Hilfe. Vielleicht gelingt es bereits im Gespräch mit der Lehrperson eine Lösung zu finden, die diesem Elend ein Ende macht. Vielleicht kommen auch Eltern und Lehrpersonen zur Einsicht, dass es besser wäre, wenn jemand anderes die Hausaufgabenbetreuung übernimmt. Sei es die von der Schule angebotene Hausaufgabenhilfe, eine Studentin oder vielleicht sogar ein älteres Geschwister. Es gibt keine «falschen» Lösungen, es gibt nur Lösungsversuche, die nicht funktionieren. Aber um dies heraus zu finden, muss man sie erst ausprobieren. Ebenso kann der Lehrer an Grenzen stossen, das System, sodass sich die Frage nach einer anderen Schule stellt. Auch das ist ein Suchen von Hilfe, das nichts mit Hilflosigkeit zu tun hat, sondern mit der Einsicht, dass es andere Massnahmen oder eine andere Umgebung braucht, als die vorhandene. Auch der Kinderarzt, der Schulpsychologe, die Sozialarbeiterin oder die schulische Heilpädagogin können beigezogen werden. Wesentlich ist die Einsicht der Erziehenden, dass die Suche nach Hilfe und das Annehmen von Unterstützung Zeichen von Stärke und Verantwortung sind. Kinder sind ein Teil der Gesellschaft. Auch wenn in der heutigen Zeit der Trend nach Vereinsamung gross ist, darf und soll die Gesellschaft ihren Teil an Verantwortung beitragen.

 

Mehr?

Kinder mit einer ADHS brauchen mehr. Sie brauchen mehr an Pädagogik, mehr an Akzeptanz, mehr an Verantwortungs- bewusstsein, mehr an kreativen Lösungsansätzen und mehr an Kooperation zwischen den beteiligten Fachpersonen. (Und im Wort Fachperson sind für mich die Eltern enthalten, denn niemand ist die bessere Fachperson für die Persönlichkeit des Kindes als die Eltern.) Dieses «Mehr» benötigt auch vermehrt Kraft und Energie und auf diese «Schätze» müssen wir sorgsam achten. Denn ausgebrannt, müde und frustriert ist keiner von uns in der Lage, überlegt und angemessen mit einer schulischen Krise umzugehen. Wenn wir das Kind akzeptieren wie es ist, ein Klima des Vertrauens aufbauen und gleichzeitig berücksichtigen, dass unser Kraftreservoir beschränkt ist, sind betroffene Kinder auch in der Schule nicht nur ein Mehr-Aufwand, sondern ebenfalls ein Mehr-Wert, der sinnstiftend, beglückend, bereichernd und erfüllend ist. Ich wünsche Ihnen auf dieser spannen- den Reise mit Ihren Kindern viel Freude, Kreativität, Kraft und Liebe.

xeiro ag